Die Filme
21. Ausgabe · 26.11. – 05.12.2026
Programm der 20. Ausgabe 2025
Die Auswahl 2026 wird im Oktober bekanntgegeben. Bis dahin zeigen wir die Filme des vergangenen Jahres.
Eröffnung & Abschluss
EröffnungSentimental ValueNorwegen | Joachim Trier | 135 Min.Ein rotes Holzhaus am Rand von Oslo, die Farbe ist längst von Rissen durchzogen: Dort setzt Joachim Trier an – und macht das brüchige Gemäuer zum Sinnbild für eine Familie, die schon lange keine mehr ist: Vater Gustav Borg (Stellan Skarsgård), gefeierter Regisseur und alternder Bohemien, kehrt nach Jahrzehnten zurück zu seinen beiden Töchtern, die er einst für die Karriere verließ. Vor allem Nora (Renate Reinsve), inzwischen selbst Schauspielerin, weigert sich, dem Vater entgegenzukommen. Erst recht, als dieser vorhat, mit ihr sein neuestes Drehbuch zu verfilmen. Zwischen vielsagenden Blicken und beredetem Schweigen entspinnt sich ein Kammerspiel über das unsichtbare Erbe eines besonderen Künstler-Clans.
AbschlussNouvelle VagueFrankreich | Richard Linklater | 106 Min.Ein Making-of, das es nie gab, aber hätte geben müssen: Richard Linklater wagt mit „Nouvelle Vague" nichts Geringeres als eine Reimagination der französischen Filmgeschichte – und macht daraus, ganz unverschämt, einen Film über sich selbst. Ausgehend vom Gedanken, wie die Dreharbeiten zu Jean-Luc Godards „Außer Atem" wohl ausgesehen hätten, entfaltet Linklater eine spielerische Hommage an die Mitglieder der Nouvelle Vague, ihre Freiheit und ihre Lust am Improvisieren.
Die 14 Filme
Film 1A PoetKolumbien | Simón Mesa Soto | 123 Min.Es gibt Dichter, die ihr ganzes Leben in ihre Verse übertragen – und es gibt Poeten, die im eigenen Versmaß steckenbleiben. Oscar Restrepo (Ubeimar Ríos) gehört zur zweiten Sorte. Vor Jahrzehnten veröffentlichte er einen schmalen Gedichtband, den niemand gelesen hat. Keine Karriere, dafür viel Alkohol und ein erniedrigender Alltag als Lehrer. Doch dann tritt Yurlady in sein Leben, eine junge Frau aus den Slums von Medellín, deren Gedichte wie selbstverständlich aus ihr herausfließen. Ihre Sprache ist unmittelbar, frisch, ungeschützt. Oscar sieht in ihr eine Projektionsfläche für den Ruhm, den er selbst nie hatte – doch seine Unterstützung kippt schnell in etwas Besitzergreifendes.
Film 2The Chronology of WaterUSA | Kristen Stewart | 128 Min.Ein Körper taucht auf, verschwindet, sucht Halt im Wasser – ein wiederkehrendes Motiv und die große Metapher in Kristen Stewarts Regiedebüt, basierend auf dem gleichnamigen autobiografischen Roman von Lidia Yuknavitch. Hauptfigur Lidia wächst in einem von Gewalt und Alkohol geprägten Elternhaus im Oregon der 1970er auf. Als begabte Schwimmerin findet sie im Wasser eine Zuflucht, doch an Land droht sie an den Erwartungen anderer zu zerbrechen. Erst in der Literatur entdeckt sie eine Sprache, die ihr gehört – eine, die Schmerz in Sinn verwandelt.
Film 3I Only Rest in the StormPortugal | Pedro Pinho | 211 Min.Der portugiesische Regisseur Pedro Pinho hat schon mit seinem Spielfilmdebüt „A Fábrica de Nada“ gezeigt, dass er das Kino neu denken will: Neorealismus traf dort auf postmarxistisches Musical. Mit „I Only Rest in the Storm“, seinem fast vierstündigen neuen Werk, setzt er diesen Anspruch fort.
Film 4RomeríaSpanien | Carla Simón | 114 Min.Die 17-jährige Marina betrachtet die Welt durch ihre kleine Digicam. Mit ihr reist sie nach Vigo, die galicische Hafenstadt, in der einst ihre Eltern lebten. Eigentlich braucht sie nur ein Dokument für ein Stipendium, doch der Aufenthalt wird zur Spurensuche nach ihrer Herkunft. Die Begegnungen mit Verwandten bleiben kühl, niemand will über die Vergangenheit sprechen. Allmählich begreift Marina, dass es nicht die eine Wahrheit gibt, sondern nur verschiedene Formen des Erinnerns.
Film 5Die jüngste TochterFrankreich | Hafsia Herzi | 107 Min.„Die 17-jährige Fatima ist die jüngste von drei Töchtern einer französisch-algerischen Familie in einem Pariser Vorort. Ihr Lieblingssport ist Fußball, in der Schule hängt sie mit den prahlerischsten Jungs ihrer Klasse ab, und sie hat einen heimlichen festen Freund, der bereits ans Heiraten denkt. Fatima fällt es jedoch zunehmend schwerer zu verbergen, was niemand wissen darf: Ihr Herz schlägt für Frauen. Als sie ein Philosophiestudium in Paris beginnt, eröffnet sich für sie eine völlig neue Welt. Hin- und hergerissen zwischen Familientradition, Glauben und ihrem Wunsch nach Freiheit muss Fatima ihren eigenen Weg finden.
Film 6Silent FriendDeutschland | Ildikó Enyedi | 145 Min.Die Ungarin Ildikó Enyedi gehört zu den eigenwilligsten Stimmen des europäischen Autorenkinos. Mit Filmen wie „Mein 20. Jahrhundert" oder „Körper und Seele" hat sie das Alltägliche stets mit dem Übernatürlichen verbunden. Ihr neuer Film „Silent Friend", der im Wettbewerb von Venedig lief, Luna Wedler den Mastroianni-Preis als beste junge Entdeckung einbrachte und zum Kritikerliebling avancierte, erweitert dieses poetische Universum – und reflektiert zugleich unsere Pandemie-Erfahrung.
Film 7OrphanUngarn | László Nemes | 132 Min.Budapest, 1957: Der zwölfjährige Andor Hirsch wächst in einer Stadt auf, die nach dem gescheiterten antikommunistischen Aufstand von sowjetischer Kontrolle geprägt ist. Aus dem Waisenhaus zurückgekehrt, lebt er wieder bei seiner Mutter, die sich neu binden will – an den Metzger Berend. Für Andor bleibt jedoch der tote Vater, ein Schaffner, innerer Kompass: Er spricht mit ihm im Heizkeller, sammelt Fahrkarten, klammert sich an Relikte wie an Rettungsinseln. Doch die Nähe zu Berend birgt eine Wahrheit, die sein Selbstbild ins Wanken bringt.
Film 8Dry LeafGeorgien | Alexandre Koberidze | 186 Min.Wenn Ampeln mit Straßenschildern sprechen und Sporthallen große Liebesgeschichten beherbergen, dann sind wir im Kino von Alexandre Koberidze. Für ihn sind Fußball und Kino Medien der Emotion – des Spiels, der Technik, des Staunens. Schon der Titel „Dry Leaf" verweist auf eine brasilianische Schusstechnik der 1950er-Jahre, deren Ballflug unberechenbar ist. Genauso entfaltet sich dieses magische Roadmovie: voller unerwarteter Richtungen, die überraschen und berühren.
Film 9Calle MálagaMarokko | Maryam Touzani | 116 Min.Wenn „Calle Málaga" so etwas wie ein spätes Heimspiel ist, dann gehört es ganz der Schauspiellegende Carmen Maura. Vierzig Jahre nach ihren frühen Auftritten bei Pedro Almodóvar, die sie zu einem der unverwechselbaren Gesichter des spanischen Kinos machten, steht sie hier erneut im Zentrum eines Films, der ihr den nötigen Raum lässt, zu glänzen.
Film 10Ein einfacher UnfallIran | Jafar Panahi | 105 Min.Es gibt viele Kino-Könige, aber nur wenige Kino-Kaiser. Seit Cannes zählt Jafar Panahi zu Letzteren: Mit „Ein Einfacher Unfall" gewann er die Goldene Palme – und ist nach Michelangelo Antonioni erst der zweite Regisseur, der auf allen vier großen A-Festivals triumphierte. Für Panahi ist es Genugtuung und Neubeginn zugleich: Nach Jahren von Verboten und Haft kehrt er zurück – nicht mehr im Guerilla-Modus, sondern mit einem Thriller, der all seine Themen bündelt.
Film 11ResurrectionChina | Bi Gan | 160 Min.Im Jahr, in dem das Kino sein 130. Jubiläum feiert, wagt der chinesische Regisseur Bi Gan einen radikalen Schritt: Er will die Sprache des Films neu erfinden – etwas Reines, Leuchtendes, noch nie Gesehenes. Nicht zufällig trägt sein Werk den Titel „Resurrection" – Auferstehung –, und gemeint ist nichts Geringeres als die Wiedergeburt des Kinos selbst. Ein Film, der Kino zum Thema macht, ein Traum über Träume, ein sinnüberschreitendes Abenteuer.
Film 12A Useful GhostThailand | Ratchapoom Boonbunchachoke | 130 Min.Witwer March trauert um seine Frau Nat, die an den Folgen von Luftverschmutzung gestorben ist. Doch Nat kehrt zurück – nicht als Mensch, sondern als Geist, der in einem Staubsauger wohnt. Zwischen Farce und melancholischer Trauerarbeit entspinnt sich eine berührend-absurde Liebesgeschichte zwischen Mensch und Maschine, die Marchs Familie ablehnt. Zugleich wird das Haus von einem weiteren ruhelosen Geist heimgesucht: einem verstorbenen Fabrikarbeiter, dessen Tod einst zur Schließung des Familienbetriebs führte.
Film 13Yakushima's IllusionJapan | Naomi Kawase | 122 Min.Organtransplantationen gelten in Japan bis heute als kulturell und religiös umstritten: Die Grenze zwischen Körper und Seele, zwischen Tod und Weiterleben, bleibt heikel. Naomi Kawase, immer eine Filmemacherin, die Spiritualität und Körperlichkeit ineinanderfließen lässt, widmet diesem Tabu ihr erstes Spielfilmprojekt seit fünf Jahren.
Film 14Two Seasons, Two StrangersJapan | Sho Miyake | 89 Min.Sho Miyake gehört zu den stillen Zauberern des Gegenwartskinos. Schon in Filmen wie „Small, Slow but Steady" entwickelte er eine Handschrift, die man als Kino „der neuen Schüchternheit" beschreiben könnte: zarte Beobachtungen, tastende Gesten, Figuren, die in der Stille eine Würde finden, die dem lauter werdenden Kino oft fehlt. Wie heilsam und verträumt-philosophisch diese Haltung wirkt, zeigt sein neuer Film „Two Seasons, Two Strangers".
Hommagen
HommageDraculaRumänien | Radu Jude | 170 Min.Der größte europäische Gegenwartsdenker des Kinos, Radu Jude, ist zurück – und wie! Gleich zwei Filme hat er dieses Jahr in den Festivalzirkus geworfen, doch nichts ist so radikal, maßlos, überbordend wie „Dracula". Für gewöhnlich ist dieser Mythos eine westliche Projektion: Von Bram Stokers Roman bis zu Hollywoods Blutsaugern. Rumänien, die vermeintliche Heimat des Untoten, blieb dabei immer außen vor. Jude aber holt ihn nun heim – und macht ihn zum explosiven Prisma der Gegenwart.
HommageMagellanPhilippinen | Lav Diaz | 164 Min.Lav Diaz, die singuläre Stimme des philippinischen Autorenkinos, ist der radikale Chronist seines Landes – ein Meister der Zeitdehnung, der gerne zehn Stunden und mehr braucht, um Schuld und Kolonialgeschichte zu verhandeln. Mit „Magellan" überrascht er nun mit etwas, das man fast einen Blockbuster nennen könnte: Farbe statt Schwarzweiß, 160 Minuten statt zwölf Stunden und mit Gael García Bernal erstmals ein internationaler Star in der Hauptrolle.
HommageNo Other ChoiceKorea | Park Chan-wook | 139 Min.Die Mittelschicht fürchtet nichts so sehr wie den Verlust dessen, was sie besitzt: Arbeit, Status, Sicherheit. Im Kino ist diese Angst längst Motor großer Gesellschaftsdramen – von Bong Joon-hos „Parasite" bis zu Radu Judes „Kontinental '25". Auch Park Chan-wook widmet sich in „No Other Choice" dieser Furcht. Dafür adaptiert er Donald E. Westlakes Roman „The Axe", den einst Costa-Gavras verfilmte – doch er verpflanzt die Geschichte in die hypermoderne Arbeitswelt Südkoreas, ein Land, das wie kaum ein anderes zwischen Erfolgsdruck und digitaler Umwälzung vibriert.
Berlinale Spotlight: World Cinema Fund
SpotlightAisha Can't Fly AwayÄgypten | Morad Mostafa | 123 Min.Kaum ein Genrezugang hat das Weltkino zuletzt so befruchtet wie der Bodyhorror. In Werken aus Asien, Lateinamerika oder Afrika zeigt sich, wie eng Fragen von Körper, Identität und Ungleichheit zusammenhängen – und wie das Bild des deformierten Körpers Räume für Befreiung und Widerstand eröffnet. „Aisha Can’t Fly Away" des ägyptischen Regisseurs Morad Mostafa ist ein weiterer Beweis: ein Film, der aus dem Sozialdrama heraus eine politisch-poetische Metamorphose anstößt.- SpotlightDer geheimnisvolle Blick des FlamingoChile | Diego Céspedes | 104 Min.Der Sieg in der Reihe „Un Certain Regard" in Cannes ist oft ein Versprechen: auf ein Kino, das eigensinnig, trotzig und überraschend ist. Der chilenische Regisseur Diego Céspedes, gerade 30 Jahre alt, löst dieses Versprechen mit einem Debüt ein, das in Cannes alle verblüffte. „The Mysterious Gaze of the Flamingo" spielt 1982 im Norden Chiles, in einer staubigen Bergarbeitersiedlung, die wirkt wie ein postapokalyptischer Außenposten. Hier wächst die elfjährige Lidia auf, umgeben von einer queer gelebten Wahlfamilie – und konfrontiert mit einer mysteriösen Plage, die angeblich von den Blicken dieser Gemeinschaft ausgeht. Auch der titelgebende Flamingo, ein exzentrisches Mitglied der Familie, steht im Zentrum der Anfeindungen durch die Bergleute.
SpotlightZafariVenezuela | Mariana Rondón | 100 Min.„Eine dystopische Fabel und ein grotesk realistisches Abbild der venezolanischen Krise. Die Ankunft des Nilpferds Zafari im Zoo von Caracas bringt das Leben eines bürgerlichen Wohnkomplexes ins Wanken. Zuerst fordern die Tierpfleger:innen das Baderecht im Swimming Pool ein. Dann werden Essen und Wasser knapp. Bald zerbröseln alle Moralvorstellungen. Zafari wird bestens versorgt, nur die Menschen um das Nilpferd werden langsam zu Tieren.



